Polarität (von Thomas Pohl)
(verwandte Wertformen: Polarität, Dualismus, Reziprozität, Symmetrie, Ambivalenz)
Die Polarität ist neben vielen weiteren Wertformen ein grundlegendes harmonikales Prinzip. Ferner existiert in der harmonikalen Betrachtung keine Konkurrenz zwischen dem Monismus und dem Dualismus, da alle polaren Momente immer einen direkten Bezug zur 1/1 (Monas) und zum 0/0 (Eidos) haben (Kayser, Lehrbuch: S. 71). Nimmt man eine beliebige Bezugsgröße in der Mathematik, wird man von dieser aus immer nur zwei Möglichkeiten des Fortschreitens haben, nämlich einmal in Richtung <Bezugsgröße und einmal in Richtung >Bezugsgröße. Hier wird das Prinzip der (Bi)polarität deutlich.
Das Lambdoma, das in seinen Zahlbezügen identisch ist mit dem Koordinatensystem, stellt die Wertform der Polarität eindrucksvoll dar. Senkrecht verläuft die Zeugertonlinie, die ein Ganzes in zwei Hälften teilt und somit eine Polarität schafft mit lauter Rationen < 1 (Konvergenzen) und auf der anderen Seite Rationen > 1 (Divergenzen).
Die Bezeichnungen für diese beiden Hälften sind ad libitum und spiegeln sich in der Natur wider z. B. in den elektrischen Ladungen von + und -, in den „Farben“ schwarz und weiß, Dunkelheit und Licht, Wärme und Kälte, ausatmen und einatmen usw. Es lassen sich tausende weiterer Entsprechungen finden.
Beim Reflektieren dieser Begriffspaare wird aber auch sehr schnell deutlich, dass es sich um extreme Polaritäten handelt, die alle erdenklichen Zwischenstufen in ihrer Intensität zulassen. Durch diese jeweils mehr oder weniger starke Polarität wird ein Spannungsfeld zwischen den Polen erzeugt, das seinerseits die Dimension der raumzeitlichen Ausdehnung in sich birgt, denn zur Entladung des energetischen Gefälles ist Raum und Zeit notwendig.
Konkret im Lambdoma sichtbar ist das gegenseitige Durchdringen von Dur- und Mollreihen, so dass jedem Ton eine Dur- und eine Mollkomponente zukommt was zeigt, dass also im Schoße jedes Tones selbst diese Polarität vorhanden ist (Lehrbuch, S. 73).
Diese Durmollpolarität, die ja dem einzelnen, isolierten Ton nicht anmerkbar ist, resultiert aus dem Richtungsimpuls der Ober- und Untertonreihen als Vektoren, als zeugende Intentionen, denn jede Ration x / y wird „geboren“ aus dem „Elternpaar“ 1/n und n/1, d.h. aus den Ursprungsrationen zweier auf den primären Ober- und Untertonreihen (=Schenkelreihen) liegenden „zeugenden“ Tonwerten.
Aufgrund dieser beiden urtümlichen Polaritäten innerhalb des Systems lassen sich nun eine Reihe weiterer Polaritäten ableiten resp. anschließen. So die Plus- und Minuspolarität der logarithmischen Ausdrücke (4/1 c’’ hat den Log. +2,000; ¼ c,, hat den Log. 0,000-2; 1/9 b hat den Log. 0,830-4; 16/1 c’’’’ hat den Log. +4.000), die Reziprozität der Rationen (1/n – n/1), die Situation zwischen 1/∞ und ∞/1 resp. zwischen Null und Unendlich, „Begrenzt“ und „Unbegrenzt“, die Raumzeitpolarität, bedingt durch die Reziprozität von Schwingungszahl (Frequenz) und Saitenlänge resp. Pfeifenlänge (Wellenlänge) u. v. a. m.
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Polarität der Geschlechter männlich, weiblich.
Von Anbeginn der Evolution spielt die geschlechtliche Komponente eine wichtige Rolle, obwohl die Natur ebenso in der Lage gewesen wäre, die Fortpflanzung durchweg durch ungeschlechtliche Vermehrung zu vollziehen (Androgynität). Der Variantenreichtum, der als ein möglichst großer in der Evolution der Arten die Wahrscheinlichkeit des Überlebens vergrößert, wird zu einem Variantenbedürfnis, das erst durch die Verschmelzung bipolarer Komponenten gestillt werden kann.
Jeder geschlechtlich gezeugte biologische Seinswert entsteht aus einem Elternpaar, dessen Ursprung im harmonikal übertragenen Sinne auf der polaren Koordinatenschenkelreihe n/1 und 1/n liegt. Nun tendiert aber die Dur-durchpulste „männliche“ Aliquotenreihe 1/1, ½, 1/3, usw bis 1/∞ = 0 auf eine Konzentration ins Kleine hin, während es sich bei der weiblichen Moll-durchpulsten Reihe genau umgekehrt verhält. Dieser harmonikale Bildbegriff des Geschlechtlichen (man könnte auch jeden anderen wählen, dieser ist aber nahe liegend aufgrund weiterer Parameter, ebenso die Festlegung auf das jeweilige Geschlecht, dessen Ausführung hier erheblich zu weit führen würde) erfährt eine weitergehende Deutung, wenn man nicht mehr das räumliche Moment sondern das zeitliche der Frequenz zugrunde legt. Hier wandelt sich der von 1/1 bis 1/n gehende haptische (Saitenlänge, Pfeifenlänge) Durimpuls in einen zeitlichen (Frequenzen) Durimpuls in Richtung auf das Erzeugende hin um.
Ein weiterer Parameter in der Begrifflichkeit:
Man spricht bei Dur und Moll von Tongeschlechtern, entscheidend für das Tongeschlecht ist der Teilton 5, die Terz. Erst mit der Mediante des Akkords erfolgt eine endgültige Festlegung auf eine der beiden Polaritäten. Analog hierzu tritt die Terz zum ersten Mal im Pflanzenreich (Blütenzahlen) als gegenüber der anorganischen Natur neue, formbestimmende Konstante auf (Näheres hierzu in Kayser: Harmonia plantarum, S. 203 ff).